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Das Schaffen des Publizisten und Schriftstellers Werner Wollenberger umfasst eine grosse Sammlung an Texten aus Journalismus, Publizistik und Cabaret.

Insgesamt hat Wolly über 500 Chansons geschrieben.

Seine Texte wurden interpretiert von Lukas Ammann, Elsie Attenhofer, Blanche Aubry, Big Zis, Anne-Marie Blanc, Paul Bühlmann, Klaus Maria Brandauer, Zarli Carigiet, Traute Carlsen, Corin Curschellas, Inigo Gallo, Voli Geiler, Stephanie Glaser, Heinrich Gretler, Max Haufler, Emil Hegetschweiler, Ursula Herking, Hana Hegerová, Grete Heger, Michael von der Heide, Christiane Hörbiger, Dodo Hug, César Keiser, Margrit Läubli, Sabina Leone, Helmut Lohner, Lore Lorentz, Walter Morath, Simone Müller, Liselotte Pulver, Margrit Rainer, Walter Roderer, Maria Schell, Maximilian Schell, Jörg Schneider, Emil Steinberger, Schaggi Streuli, Fred Tanner, Ines Torelli, Helen Vita, Ruedi Walter, Peter Weck und viele mehr. 

DAS WORT

Werner Wollenberger für das Cabaret Federal 1953

Man weiß von Schiffen und von Sternen,

Von Münzen und sogar vom Licht,

Von Kolibris und Samenkernen

Und von Vulkanen das Gewicht.

Man kennt es auch von Schneekristallen

Und Blättern, die der Herbst zerbricht.

Man kennt's von allem und von allen.

Nur was ein Wort wiegt, weiß man nicht.


Was wiegt ein Wort — was ist es wert?

Was macht es leicht wie Blust im Mai?

Was, daß sich's handkehrum verkehrt

In einen Berg von purem Blei?

Was wiegt ein Wort — was ist es wert?


Warum wohl ein Leben lang

Gilt ein «Ja» vom Traualtar?

Warum eines von den Russen

Nicht einmal ein halbes Jahr?

Warum hat die Silbe «Brot»

Für den Schweizer keinen Klang?

Warum tönt sie einem Tschechen

Wie vergessener Gesang ?

Warum wirkt das Wörtchen «Ende»

Hinter Ferien kalt und roh?

Warum hinter Fernsehfilmen

Stimmt es einen eher froh?


Man weiß von Schiffen und von Hunden,

Von Filmstars und sogar vom Licht

In Tonnen, Zentnern, Kilo, Pfunden

Und Milligrammen das Gewicht.

Man kennt es auch von den Metallen

Und vom Atom, das man zerbricht.

Man kennt's von allem und von allen.

Nur was ein Wort wiegt, weiß man nicht.


Was wiegt ein Wort — was ist es wert?

Was macht es lieb und leicht und licht,

Wenn man es sagt?

Und was beschwert es tonnenschwer,

Wenn man's nicht spricht?

Was wiegt kein Wort — was ist das wert?


Warum ist ein Ausdruck wahr,

Gut und ehrlich ebenfalls?

Warum Andern gegenüber

Lügt man ihn in seinen Hals?

Warum läßt ein böses Wort

Dich vom einen gänzlich kalt?

Warum trifft es Dich vom ändern

Mit erschreckender Gewalt ?

Warum setzt zum Wörtchen «Lieber»

Manchmal man so leichthin an ?

Warum ein paar Jahre später

Schon erstickt man fast daran?


Man weiß von Schiffen und von Sternen,

Von Münzen und sogar vom Licht,

Von Kolibris und Samenkernen

Und von Vulkanen das Gewicht.

Man kennt es auch von Bahnhofshallen

Und von den Punkten auf dem i.

Man kennt's von allem und von allen.

Nur was ein Wort wiegt, weiß man nie. . .

Text©Werner Wollenberger Nachlass  

Der Rorschacher Trichter
No 183

Nebelspalter, 21. September, 1960

WERNER WOLLENBERGER

Hymne auf die Trittli-Gasse


Vielleicht sind Sie ein Mensch, der keine kulturelle Sommer-Pause einschaltet und vielleicht wissen Sie deshalb, daß sich im Juli dieses Jahres ein paar Cabarettisten zusammengetan haben, um ein bißchen zu spielen und so frei zu sein im Freien so frei zu sein.

Die Stephanie Glaser war dabei, die Ines Torelli, der Hoby, der Schneider und der begabte Sproß des großen Rasser und der Hans Gmür hat geschrieben und ein paar andere, und ich war auch nicht ganz unschuldig an der Sache und das tut mir leid, denn wäre ich es gewesen, dann hätte ich Ihnen schon vor längerer Zeit von einem ganz reizvollen Freilicht-Cabaret-Programm berichten können. Weil ich aber diskreten Charakters bin und Eigenlob sogar im Freien stinkt, habe ich geschwiegen.

Jetzt ist die “Drehbühne” (wie das veranstaltende Dach-Organisatiönchen heißt) indessen zum Stillstand gekommen (wenigstens vorläufig, demnächst wagt es sich mit dem Programm “Zürcher Ballade” auf eine kleine Schweizer Reise), jetzt haben rund zwanzigtausend Zürcher die Sache gesehen und jetzt kann ich also ein bißchen davon erzählen.

Nein, ich mache Ihnen nicht nachträglich den Mund wässerig! Nein, ich empfehle Ihnen die Aufführung nicht präventiv fürs nächste Jahr.
Ich erzähle Ihnen hingegen eine kleine Geschichte, die ein bißchen rührend und ein bißchen komisch ist, ein bißchen erheiternd und herzerfreuend und ganz und gar nicht zeitgemäß und das ist vielleicht das Allerhübscheste an ihr.

Also: als ich damals auf die Idee kam, man könne doch einmal an der Trittli-Gasse Cabaret spielen, da...
Aber zunächst muß ich Ihnen ja erklären, was die Trittli-Gasse ist.

Also: das ist eine Gasse im Zürcher Oberdorf, dem weniger berühmten Pendant des Niederdorfs. Sie beginnt unten mit vielen kleinen Treppen (auch Trittli genannt, der geneigte Leser merkt etwas!) und endet oben mit einem kleinen Plätzchen, umstanden von reizenden Altstadt-Häusern mit verwachsenen Balkonen, einem Gewirr malerischer Terrassen und Dach-Garten, einem pittoresken Chaos von Kaminen und einer Ahnung von blauem Himmel über den rötlichen Dächern und uralten Bäumen im Rükken.

Also: als ich auf die Idee kam, man könne auf diesem Plätzchen Cabaret spielen, da hatte ich natürlich keine Idee, was die Realisierung dieses Einfalles bedeuten würde. Plätze, das erfuhr ich bald, sind Allgemein-Plätze. Beziehungsweise Eigentum der Allgemeinheit. Beziehungsweise der Gemeinde. Beziehungsweise in diesem Falle der Stadt.

Und deshalb braucht es polizeiliche Bewilligungen und glauben Sie nicht etwa, daß es da so etwas wie eine Amtsstelle für Freilicht-Spiele gäbe, die solche Bewilligungen generell erteilt. Da gibt es viele Amtsstellen. Amtsstellen existieren nur aus sprachlichen Gründen auch in der Einzahl.

Doch auch dieses Kapitel ließ sich erledigen. Mit olympia-reifen Laufleistungen und mit der Hilfe des Stadtpräsidenten und seines Sekretärs, welche beiden kulturelle Vorlieben besitzen und diesem Hobby glücklicherweise nicht nur platonisch frönen.


Aber: die Spiel-Erlaubnis hing von der Einwilligung der Anwohner ab.
Das war - obwohl niemand von uns daran gedacht hatte - natürlich nichts weiter als natürlich.
Und es bedingte die Einwilligung aller.

Glauben Sie mir...

Oder glauben Sie es mir auch nicht!
Fragen Sie den Edy Baur, was es brauchte, bis jeder der Anwohner einverstanden war.

Es war nicht nur nicht leicht, es war sogar ausgesprochen schwer, um es in einem unguten Deutsch zu sagen.
Sie wollten die Ruhe des Plätzchens nicht zerstört haben. (Wir konnten es ihnen nachfühlen!)
Sie wollten keine Popularität für das kleine Paradies. (Wir konnten es ihnen nachfühlen!)
Sie wollten auch kein Cabaret! (So gar das konnten wir ihnen...)
Schließlich gaben sie, mehr ermüdet denn von Herzen, nach.

Wir fürchteten das Schlimmste. Wir erwarteten Tomaten aus den Fenstern.

Wir erwarteten Hilfe-Rufe um Ruhe.
Wir erwarteten ganze Sprech-Chöre.


Und es kam ganz anders.

Schon während der Proben begann hie und da einer aus dem Fenster zu schauen.
Und jemand stellte seinen Dachgarten für Romeo und Julia zur Verfügung.
Und dann klatschte es plötzlich aus mehreren Fenstern nach einer Nummer.
Und dann brachte einer Kaffee.
Und eine andere Kuchen.

Und an der Premiere stellten sie alle Blumen in die Fenster und nach der Vorstellung warfen sie Blumen auf die Bühne und Bonbons.
Und Wein brachten sie.
Und einige kamen sogar zur Premieren-Feier.
Später luden sie die Mitglieder des Ensembles ein.
Später brachten sie an ausverkauften Abenden Stühle, damit wir noch ein paar Besucher mehr placieren konnten.
Später sammelten sie bei den Leuten, die sie eingeladen hatten, um zuzuschauen, Unkosten-Beiträge ein und brachten uns das Geld nach der Vorstellung.
Und ganz zum Schluß offerierten sie uns ein regelrechtes Trittli-Gaß-Fest als Dank für die Tatsache, daß wir sie zwei Monate an jedem schöneren Abend belästigt hatten.
Ein rauschendes Fest mit Wein und Bier und Geschenken und freundlichen Worten und schönem Lob.

Wir waren alle sehr gerührt, als wir zum letztenmale spielten.
Und die Leute von der Trittli-Gasse waren es auch.

Und es war ein kleines Wunder geschehen: Komödianten und Bürger waren Freunde geworden. Künstler und Bürger hatten sich gerne bekommen.
Fremde hatten sich getroffen.
Freundschaft war entstanden zwischen Leuten, die niemals dazu bestimmt waren, Freunde zu sein.

Ich bin unsentimentalen Gemütes.
Ich weine nur aus Wut.
Aber wenn ich einmal aus Nettigkeit weinte, dann täte ich es wohl bei solchem oder ähnlichem Anlaß.
Ich gebe zu: das ist eine Geschichte ohne Pointe.
Aber: das Gute hat selten eine Pointe.
Hingegen ist es so selten, daß schon sein Stattfinden eine Pointe sein könnte, oder nicht?


Noch etwas: ich weiß nicht, ob die Leute von der Trittli-Gasse es mögen, wenn ich ihnen hier dieses Kränzchen gewunden habe.
Aber ich glaube, wir verstehen uns bereits so gut, daß sie mir auch das verzeihen werden!

Text©Werner Wollenberger Nachlass  

Eusi chlii Stadt

Cabaret Federal, Musical, 1959
Texte: Werner Wollenberger
Musik: Hans Moeckel und Otto Weissert
Mit: Margrit Rainer, Ruedi Walter, Zarli Carigiet, Stephanie Glaser, Peter W. Staub, Inigo Gallo, Irène Camarius

Werner Wollenberger schrieb das Mini-Musical zur Eröffnung des Zürcher Theaters am Hechtplatz. Am 25. April 1959 kam der Bilderbogen in Prosa und Reimen mit einer Starbesetzung zur Uraufführung. Ironisch-satirische Szenen und Lieder über den Alltag in Zürich, der kleinen Grossstadt. Mit legendären Liedern wie «Mis Dach isch de Himmel vo Züri» wird der Tagesablauf in der kleinen Stadt erzählt.

Mys Dach isch de Himmel vo Zürich


Du, was brännt-me pro Nacht
für en Kahn im Kreis acht,
s'il vous plaît, s'il vous plaît, s'il vous plaît?
Du, was isch de Betrag
für en grantige Schlag
grad am See, grad am See, grad am See?
Hesch, ich lach mir en Schranz
guet vo da uf Iilanz
i's Gilet, i's Gilet, i's Gilet!
Hesch, was söll dänn dä Krach
wägem Dach überem Dach
s'il vous plaît, s'il vous plaît, s'il vous plaît?

Chumm Brüeder, verhebs, chumm Schwöschter, chlemm ab, was brucht dänn en relativ normale Ziitgenoss mit-ere nanig abruch-honegger-riife Anatomie en eigeti Wohnig, e tüüri....?

Mys Dach isch de Himmel vo Züri
und s'Bellevue mys Bett, won ich pfuus!
Und d'Schipfi mys Bänkli
und d'Meise mys Schränkli
und Züri, ganz Züri mys Huus!

Mys Dach isch de Himmel vo Züri
und s'Bellevue mys Bett, won ich pfuus
und d‘Schipfi mys Bänkli
und d‘Meise mys Schränkli
und Züri, ganz Züri mys Huus!
Mys Dach isch de Himmel vo Züri
und s'Bellevue mys Bett, won-ich pfuus
und d‘Nachttischlatärne
de Mond mit de Stärne
und Züri, ganz Züri mys Huus!

Chumm Brüeder, verchlemms, chumm Schwöschter, stell ab! Spinnsch dänn Du?
Chrampfsch am Samschtig? Fahrsch geischtige deux-chvaux? Du, was häsch dänn scho, wänn dänn ändli Dyn Schlag entdäckt häsch wien e Guufe imene Heustock ine, he? Chumm, Schätzli, ich säg Dir's tätsch Marroni i’s Gsicht: Sorge häsch vo wäge de Irichtig, c‘est tout. Du, und gäll, ich cha Dir das nachefüühle biim hüttige Stand vom Mobelbau! Du ich han au schon emale uuf esone supermodärne Stromlinie-Couch wellen as Hüeneraug voll Schlaf näh...

Du, ich kenne das Gfühel
i de Wohnbedarf-Stüehl
s'il vous plaît, s'il vous plaît, s'il vous plaît!
Du, ich weiss wie’s eim isch
a de schwedische Tisch -
Windelweh, windelweh, windelweh!
Hesch, mich rüehrts ä de Bock
vor-em Pfischter-Barock
jemineh, jemineh, jemineh!
Hesch, was sott ich dänn nur
mit däm Chabis vo Suhr
s'il vous plaît, s'il vous plaît, s'il vous plaît?

Chumm, Brüeder, verhebs, chumm Schwöschter, stell ab, rüehr das Züüg i‘s Brockehuus oder schänks em Landesmuseum und mach‘s eso wien ich, ich hanämli für de wirkligi Heimetstil e ganz es bsunders Gspüri......

Mys Dach isch de Himmel vo Züri
und s'Bellevue mys Bett, won ich pfuus
und "d’Tat" mys Düvettli
und d'Limmet s‘Klosettli
und Züri, ganz Züri mys Huus!

Mys Dach isch de Himmel vo Züri
und s'Bellevue mys Bett won ich pfuus
und z'Nachtisch-Latärne
de Mond mit de Stärne
und Züri, ganz Züri mys Huus!

Text©Werner Wollenberger Nachlass  

I mym Quartier
(I mim Quartier) 


I mym Quartier
häts e kä Villa wie am Züribärg
mit riiche Gärte, und mit Pärk...
I mym Quartier
staht e käs wärtvolls Altertum
wie ufem Lindehof......

Und keini Luxus-Läde häts
und keini Erscht-Uuffüehrigs-Cinemas
mit tüure Polschtermöbel-Plätz
und au käs Chunscht-Museum häts
und au käs riiche Juwelier
i mym Quartier
I mym Kreis vier......

Doch graui Hüüser gits mit wiisse Narbe
und rote Granium-Stöck in grüene Chischtli
und Chüngel uf de gwagglige Balkön
und das isch schön,und das isch schön...
Und Kinos gits mit knallige Reklame:
"Der blinde Rächer von der Schlangenbucht!"
Einmalig! Unerhört in seiner Wucht!
Nur bis inklusive Freitag!
Und chunt es Liebes-Päärli, fragt die Dame
wo a de Kasse sitzt: "Nämmet Sie Loge oder wänd Sie de Film gsee?"

I mym Quartier
wohnt niemerds vo de Stadtbekannte
und d’ Gofe händ kä Gouvernante...
I mym Quartier
I mym Kreis vier......

Doch chliini Lüüt gits, won am Abig
in chliini Beizli göhnd und mängmal tanzet
zu Grammophon mit schärbelige Tön
und das isch schön und das isch schön....
Und jungi Puurschte wänd mit riiche
und gschwinde Schale Marlon Brandos sy
und Meitli gänd sich Müeh mit Nylon-Pelz
de Lollo und de Loren z'gliiche....
Und Manne gits und Tango-Tön
und Fraue gits und billigs Bier
und chliini Lüüt und nie nüüt Neus
und das isch schön, und das isch schön
im mym Quartier, i mym Kreis vier.....


Text©Werner Wollenberger Nachlass  

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Werner Wollenberger Stiftung
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Tel :  +41 79 604 11 33
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